Zeitordnungen der radikalen Linken in der Bundesrepublik, 1969 bis 1998

Forschungsgruppen - Makrogewalt
Projektstart: Mai 2019

Bei einer Podiumsdiskussion, die am 3. Mai 1996 anlässlich des 20. Todestages von Ulrike Meinhof im Audi-Max der TU Berlin abgehalten wurde, beschrieb Ralf Reinders, Gründungsmitglied der Bewegung 2. Juni, das Lebensgefühl der radikalen Linken West-Berlins gegen Ende der „wilden“ 1960er-Jahre. Kritisch an seine MitdiskutantInnen gewandt betonte er:

„Alles was hier gesagt wird, ist Zeitgeschichte ohne den Zeitgeist rüberzubringen. Ihr kriegt den Eindruck, als ob wir durchgeknallt waren, als ob wir die waren, die aus irgendwelchen merkwürdigen Situationen heraus Aktionen gemacht haben, und des war nicht so. Es kommt hier die Stimmung nicht rüber. Einfach die optimistische Stimmung, die damals herrschte. Wenn gesagt wird, wir wollten… Es gibt als Beispiel immer so den lockeren Spruch, wir saßen in Kneipen und es kamen die Leute rin, haben was getrunken, gingen wieder raus und sagten, wir treffen uns wieder zur Revolution. Und das war vom Gefühl her genau das, was die meisten Leute betraf.“1

Gute zehn Jahre später, Anfang der 1980er-Jahre, schilderten Jugendliche aus dem militanten, linksradikalen Spektrum ein gänzlich verändertes Lebensgefühl:

„Dass die Welt untergehen würde – jene Gewissheit, die schrecklich und behaglich im selben Atemzug war -, reichte aus, alles noch schnell aus- und anprobieren zu wollen. Sich alles zu nehmen. Die Gegenwart, der Moment wurde bedeutsam und die Zukunft ein schaler Witz. Gerade die Zukunftslosigkeit verlieh also der Gegenwart ungeahnte Fähigkeiten, den Mut, aufzukündigen, abzubrechen, abzurechnen.“2

In der Berliner Bewegungszeitschrift „radikal“ machten einige Autonome 1981 in ähnlich eindringlicher Weise die enge Verbindung zwischen einem auf den Moment fokussierten Lebensgefühl ohne Vergangenheits- und Zukunftsbezug und ihrer militanten politischen Praxis deutlich: „Freiheit“, so hieß es dort, ist „der kurze Moment, in dem der Pflasterstein die Hand verlässt, bis zum Moment, wo er auftrifft“3

An diesen Zitaten, so meine Ausgangsthese, lässt sich ein Wandel der Historizitätsregime ablesen. Unter Historizitätsregime verstehe ich mit dem französischen Historiker François Hartog den je spezifischen Modus, in dem Gesellschaften Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander in Beziehung setzen. Im Unterschied zum Begriff „temporality“, der sich immer auf vermeintlich objektivierbare Maßeinheiten von Zeit bezieht, konzentriert sich Hartogs Perspektive auf die Korrelation von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im Erleben konkreter Subjekte. Diese Korrelation kann sich, wie Hartog gezeigt hat, historisch verändern. So sei in den 1970er- und 1980er-Jahren ein Übergang vom modernen zum präsentistischen Historizitätsregime zu beobachten. Unter Präsentismus versteht Hartog „the sense that only the present exists, a present characterized at once by the tyranny of the instant and by the treadmill of an unending now“.4 Zukunft werde unter diesen Vorzeichen nicht mehr als Versprechen, sondern als Drohung erlebt. „The future is a time of disasters, and ones we have, moreover, brought upon ourselves."5

Der Übergang vom modernen zum präsentistischen Historizitätsregime korreliert also sowohl zeitlich als auch hinsichtlich der zentralen Prämissen mit der anhand der Eingangszitate illustrierten Ablösung einer revolutionären Zukunftsgewissheit durch das „No-Future“-Paradigma.

„Ein zentraler Punkt dieses Wandels war sicherlich der Verlust der großen Utopien. Die außerparlamentarische Linke in den 1960er-Jahren war gekennzeichnet durch eine tiefgreifende Siegesgewissheit und den Glauben an das eigene gesamtgesellschaftliche Gestaltungspotential. Demgegenüber zeichneten sich ein großer Teil der Protestbewegungen der 1980er-Jahre durch eine, teilweise apokalyptische, Zukunftsangst, eine zunehmende Aufsplitterung in unterschiedliche Themenfelder und eine Individualisierung und Verinnerlichung der Proteste aus. Klassenkämpferische Positionen verloren an Bedeutung, während linke Identitätspolitik einen immer größeren Raum einnahm.“6

Wo Zukunft als politisch gestaltbare Dimension verschwindet oder allenfalls als Verlängerung der Gegenwart vorstellbar ist, verlieren auch große revolutionäre Utopien an Überzeugungskraft. Dahingegen sind im Präsentismus eine pragmatische, auf graduelle Verbesserungen des Bestehenden setzende Politik oder die oben geschilderte, militante Verweigerungshaltung naheliegende Handlungsoptionen. Gleichzeitig verliert die Kategorie „links“ ihre politisch-kulturelle Ordnungsfunktion.

Anhand eines diachronen Vergleichs möchte ich im Rahmen einer Längsschnittuntersuchung der radikalen Linken in der Bundesrepublik danach fragen, welchen Einfluss Historizitätsregime auf die politische Kultur dieser Gruppen und Bewegungen ausübten. Besteht ein Zusammenhang zwischen dem „Verlust der großen Utopien“ und dem Wandel des gesellschaftsprägenden Historizitätsregime? Welche Rolle spielten Zeitwahrnehmungen und –horizonte bei den Handlungsentscheidungen der Akteure? Wie wirkten sie sich auf ihr Selbstbild und ihre Positionierung gegenüber Staat und Gesellschaft aus?

Das geplante Projekt soll einen Beitrag zu einer Geschichte der politischen Kultur der Bundesrepublik im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts liefern. Als für die politische Kultur konstitutiv werden 1.) die Ideen und Konzepte, 2.) die politische Praxis und 3.) der Habitus bzw. die soziale die Identität der Akteure aus der radikalen Linken verstanden. Diese drei Dimensionen werden die zentralen Säulen der Untersuchung bilden.


1 autofocus videowerkstatt Berlin, 20. Todestag Ulrike Meinhof, BRD 1996 [DVD], min. 46:00 – 46:45.

2 Frank Apunkt Schneider, Als die Welt noch unterging. Von Punk zu NDW, Mainz 2007 S. 8f.

3 radikal, Nr. 98, 9/1981. Allerdings blieb diese Äußerung innerhalb der Szene nicht lange unwidersprochen. Schon in einer Nummer später betonte die radikal „Revolution und Freiheit sind Prozesse, und keine Steinwürfe!“ radikal, Nr. 99, 10/1981.

4 François Hartog, Regimes of Historicity. Presentism and Experiences of Time, New York et. al., S. XV.

5 Ebd. XVIII.

6 Sebastian Kaspar, Spontis. Eine Geschichte antiautoritärer Linker im roten Jahrzehnt, Münster 2019, S. 229.